Tutzinger Radiotage 2015

21. bis 23. Juni, Akademie für politische Bildung

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Audiojournalismus im Netz: Do’s and Don’ts

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Wir dürfen das Radio nicht nur als Audio-Medium verstehen. Das ist eine der Thesen, mit denen Schiwa Schlei bei den Radiotagen erst einmal für Stirnrunzeln gesorgt hat. Schiwa ist ehemalige Online-Chefin von 1Live und jetzt Wort- und Online-Chefin beim Funkhaus Europa. Bei Twitter kennt man sie unter dem Namen @onlinerin, sie bezeichnet sich selbst als Nerd und sieht die Zukunft des Radios ganz klar im Internet.

Auf ihrem Vortrag und einem anschließenden Interview haben Marie Ludwig und Ann-Kathrin Büüsker Do’s und Don’ts für die Zukunft des Radios im Netz entwickelt:

Do: Zielgruppe klar definieren

Nur wenn ich weiß, für wen ich wirklich senden will, kann ich entsprechende Formate entwickeln.

 
Do: Verteilungswege festlegen

In welchen Kanal passt eine Geschichte? Manche Dinge funktionieren ausschließlich im Radio, andere Dinge wiederum nur in bestimmten sozialen Netzwerken. Spezifische Gegebenheiten der jeweiligen Kanäle nutzen, um der Geschichte den richtigen Dreh zu geben.

 
Do: Ressourcen sinnvoll verteilen

Schließt sich an die Wahl des richtigen Verteilungswegs an. Wenn ich feststelle, dass ein Projekt/ein Verteilungsweg für mich keinen Mehrwert bringt, weil der organisatorische/personelle/finanzielle Aufwand zu groß ist, dann lasse ich es.
Beispiel: 1Live hat Whatsapp getestet, aber festgestellt, dass unter den technischen Voraussetzungen der Aufwand viel zu groß ist. Daher wurde das Projekt eingestellt.

 
Do: Alleinstellungsmerkmale entwickeln.

Was kann ich liefern, was andere nicht liefern können?
Beispiel: Festivalberichterstattung. Fotos und Erfahrungsberichte tummeln sich zuhauf in den sozialen Medien – die braucht das Radio nicht auch noch zu liefern. Stattdessen auf Hintergründiges setzen. Nah ran an die Bands.

 
Do: Authentisch bleiben / Persönlichkeit zeigen

Identifikation und Sympathie ermöglichen und so zu einer Vertrauensperson werden.
Personalities werden als „trusted guides“ immer wichtiger, weil…

 

 
Do: In sozialen Netzwerken kuratieren

Nicht nur eigene Inhalte posten, sondern ruhig auf andere Medien verlinken, wenn deren Infos für die Zielgruppe interessant sind. Die Herkunft der Information ist zweitrangig, wichtig ist, dass wir als Marke sie in den Social Stream unserer Nutzer einfließen lassen.

 
Do: Online leben

Die Kanäle, die man bespielt, auch wirklich selbst im Alltag nutzen. Nur wer Instagram regelmäßig nutzt, weiß wie die Nutzer dort ticken und kann auf dieser Basis agieren und neue Formate entwickeln.

 
Do: Tools gezielt nutzen

Nicht jedes Tool bietet sich für jedes Thema an.
Beispiel: Pageflow. Kann richtig gut aussehen, aber nur, wenn das Thema so facettenreich ist, dass es sich wirklich in einem Pageflow-Projekt umzusetzen lohnt. Setzt auch gute Fotos- und ggf. Videoarbeit voraus.
Und es gibt ein zentrales Problem…

 

 
Don’t: Setze die erste Idee um!

Nicht! Das wäre ja viel zu einfach! Die erste Idee ist gut, aber vielleicht die zweite, dritte oder auch vierte Idee oder eine Kombination noch viel besser. Ausruhen zählt nicht. Qualität bekommt man nur mit harter Arbeit!

 
Don’t: Du darfst Radio nur als Audiomedium verstehen!

Vollkommen falsch! Radio ist viel mehr als Hören! Es gehört wesentlich mehr dazu, „richtig“ Radio zu machen, als lediglich den Knopf am Radio auf „An“ zu stellen. Es gehört auch mehr dazu, als sich lediglich hinter ein Mikro zu stellen und über das Alltägliche zu plaudern: „Der Hörer verdient eine Moderationspersönlichkeit, die  leitet, die echt ist,  die die wichtigsten News rausfiltert und einen besondern – einen persönlichen – Blick auf die Dinge liefert.

 
Don’t: Kämpfe gegen Social Media Dienste!

Warum solltest du? Es ist keine Neuigkeit, dass Nachrichtenfeeds beispielsweise auf Facebook immer beliebter bei den Nutzern werden. Doch anstatt gegen sie zu kämpfen, sollte sich das Radio eher darum bemühen, diese Dienste sinnvoll für sich zu nutzen. Wie man in dieser Angebotsflut eigene Ideen umsetzt? Kreativität ist gefragt…

 
Don’t: Sei ein Kontrollfreak!

Kontrolle gibt Sicherheit. Sicherheit gibt innere Ruhe. Und zu viel innere Ruhe gibt Langeweile! Langeweile ist und bleibt langweilig: „Manchmal, da müssen wir auch den Mut dazu haben, Fehler zu machen – nur so lernen wir!“ Nur so werde das Programm lebhaft, abwechslungsreich und besonders: „Habe Mut zum Kontrollverlust!“

Don’t: Streite dich mit anderen Redaktionen!

Der Preis ist heiß! Und doch: ob Wortredaktion, Musikredaktion oder Online – jede Redaktion hat ihre Daseinsberechtigung. Sportnachrichten sollten nicht wichtiger werden als politische Themen: Journalismus ist vielfältig. Streit und Platzhirschgehabe innerhalb des Hauses bringt daher nichts!

 

Don’t: Sei innovativ – um jeden Preis!

Um Gottest Willen – Nein! „Do what you do best and link to the rest!“ – das Motto für DIE beste Radioarbeit. Dass Journalisten mit der Zeit gehen müssen, ist klar – aber muss man wirklich jeden Trend mitgehen? Wie gut ist meine Reichweite auf Twitter, Facebook, Periscope…? Das Angebot ist groß: zu groß! Und die Kunst, den effizientesten Weg für sich selbst und den Sender zu finden, ist definitiv nicht leicht. Dennoch: Stehen bleiben ist keine Alternative. Aber das Bespielen aller Kanäle definitiv auch nicht!

 

Don’t: Rufe Online zum Hören auf!

Hey Leute, wir sind wieder on Air. Schaltet ein!

Das geht nicht! Man könne nicht erwarten, dass jemand, der sich Online informiert, auf einen anderen Kanal gelockt wird. „Das kann echt nerven!“ Vielleicht ist man gerade unterwegs – sitzt in der Bahn oder sonst wo. Außerdem macht es den Onlinekanal überflüssig: „Man möchte ja schließlich, dass die Leute auch Online weiter lesen und nicht alle abwandern.“ Deshalb: Online zum Hören aufrufen – ein NO GO!

 

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