Martin Heller Vortrag

Neue Instrumente im Radio: Livestream und Virtual Reality

Redaktionen wollen immer „Mehrwert“ erzeugen. Das endet dann darin, dass alles, was an Information zum Beispiel für einen Radiobeitrag da ist, auf der Internetseite veröffentlicht wird – ohne darüber nachzudenken, was die Nutzer dort eigentlich erwarten.

Richard Gutjahr im Interview
Interview mit Richard Gutjahr: Über das Smartphone läuft der Livestream und mit dem Aufnahmegerät werden O-Töne gesammelt.

Von Martin Heller, dem Gründer des Medien-Start-ups IntoVR, haben wir auf den 12. Tutzinger Radiotagen gelernt, wie man wirklich Mehrwert erzeugen kann.

Beispiel: Livestreams, die während der Audio-Aufnahme eines Interviews, ausgestrahlt werden. So können O-Töne für die Radiosendung gesammelt werden, während man gleichzeitig die Nutzer in den sozialen Medien und deren Fragen einbindet. Das Video kann im Nachhinein geschnitten und in verkürzter, geordneter Fassung eingebunden werden.

 

Plattformengerechter Inhalt

Das wir alles streamen können, heißt laut Heller aber noch lange nicht, dass wir es auch tun sollten. Ein Interview müsse nicht immer so interessant sein, dass das Publikum die Durchführung spannend findet, gleiches gelte für Pressekonferenzen. Hier bietet sich eine normale Aufnahme an.

Livestreams sind laut Heller besonders in Situationen spannend, in denen etwas passiert – zum Beispiel bei Demonstrationen. (Es müsse aber auch klar sein, dass in solchen Situationen immer unvorhergesehene Dinge passieren können, wie etwa in Nizza. Dort hat Richard Gutjahr ganz bewusst auf Live verzichtet.)

Aber auch die Ansprache sei wichtig: ZuschauerInnen, um sie bei der Stange zu halten, dazu aufzufordern, sich zu beteiligen, etwa indem sie Fragen zum Geschehen oder zum Interviewpartner stellen können und wir diese beantworten. Wichtig sei es auch, dem Publikum zu erklären, dass wir JournalistInnen sind und wo wir uns befinden – wegen der wechselnden Anzahl der ZuschauerInnen auch häufiger.

Was nicht funktioniert, ist laut Heller „Einerseits-Andererseits“- und Mainstream-Content; das gelte auch für Social Video.

 

Das Publikum mitnehmen

Statistiken zeigen: Die am besten funktionierenden Inhalte sind die, die eine spitze Zielgruppe ansprechen und Emotionen auslösen. Allgemeine Themen wie Nachrichten, sagt Heller, bekommen NutzerInnen an anderen Orten im Netz. Auf Facebook sei es außerdem wichtig, Videos im quadratischen Format hochzuladen. Social Video ist ein Lean-forward-Medium. Es muss – anders als bei Fernsehen oder Radio – aktiv die Entscheidung getroffen werden, sich das Video anzusehen. Und ein quadratisches Format ist beim Scrollen duch die Timeline immer etwas länger zu sehen als ein 16:9-Format – damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Nutzer sich das Video ansehen.

 

Virtual Reality im (Radio-)Journalismus

Ein neueres Thema für Medienhäuser ist Virtual Reality. Sie bietet eine ganz neue Erzählform, da NutzerInnen sich selbst im Bewegtbild befinden. Laut Martin Heller ist es gefühlt „kein Medium mehr; man ist mittendrin“. Dieses Gefühl wird noch deutlicher, wenn statt der stationären Virtual-Reality-Brille, die an einen Computer angeschlossen ist, eine mobile verwendet wird, mit der sich Nutzer frei im Raum bewegen können.

Durch diese Technik können zum Beispiel Reportagen ganz anders wahrgenommen werden: Sie müssen nicht mehr gelesen oder auf dem Bildschirm angesehen werden. Stattdessen kann Virtual-Reality-Journalismus das Publikum an andere Orte bringen und den Gegenstand der Reportage so greifbarer machen.

Am besten funktionieren auch hier leichtere Themen. Der Berliner Radiosender 104.6 RTL hat im August 2016 ein Konzert von Max Giesinger in 360 Grad aufnehmen lassen. Die Nutzer konnten das Konzerterlebnis so wahrnehmen, ohne selbst dort gewesen zu sein.

Ein nicht ganz so leichtes Stück ist die 360-Grad-Virtual-Reality-Flüchtlingsreportage von arte. Interessant hier: Der leere Raum in solchen Reportagen kann Platz für Zusatzinfos bieten.

 

Nach seinem Vortrag auf den Tutzinger Radiotagen hat sich Martin Heller euren und unseren Fragen auf Periscope gestellt.

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