Out of Rosenheim – was bedeutet Heimat fürs Radio?

Draußen glitzert der Starnberger See in der Sonne, der Geruch von frisch gemähtem Gras strömt durch die offenen Türen in den Vortragssaal, der Hausmeister läuft mit Strohhut durch den Garten. So klingt Tutzing. Aber klingt so auch Heimat? Idylle pur, mia san mia, glückliches Bayern?

Der Bayrische Rundfunk hat 3.500 seiner Hörer befragt, nach 2009 zum zweiten Mal, und Astrid Riedel (BR Medienforschung) hat die Ergebnisse auf den Tutzinger Medientagen vorgestellt. Die Essenz des schwer greifbaren Begriffs: Heimat ist vor allem ein Gefühl. Heimat, Landschaft, Erinnerungen, Gerüche – zur Ruhe kommen, Kraft tanken, ein Anker in Zeiten der Globalisierung … Klingt nach einem Blick in den Tourismuskatalogs des Freistaats.

Ins selbe Horn stieß Thomas Korte vom Hessichen Rundfunk in Korbach. „Hörer brauchen Nähe, unmittelbare Anbindung und sind nur bedingt bereit, sich mit großer Politik zu beschäftigen“, sagte Korte. Er stützte sich auf eine Studie, die der hr 2009 erarbeitete.

Ziel ist vor allem: Hörerbindung

Sind die Ergebnisse der BR-Studie übertragbar, wollten die vielen Radiochefs wissen, die ja vor allem ein Ziel haben: Hörerbindung. Die Antwort gab es zwar nicht direkt, doch kann man sicher sagen: Bayern ist schon ein Spezialfall. 82 Prozent der Einwohner leben noch in der Region, in der sie aufgewachsen sind, in Oberfranken sind es gar 93 (!) Prozent. Die überwiegende Mehrheit lebt gern in der Region und will hier auch gar nicht weg. Doch die „Lasst-mich-doch-mit-dem-Kram-in-Ruhe“-Mentalität dürfte in der ganzen Republik zu finden sein.

Bauchschmerzen bereitete dieser Heimatbegriff vor allem den Journalisten, denen es mehr um Inhalte als Gefühle geht. Viel von dem, was in Deutschland und der Welt passiert, liegt eben jenseits der Wohlfühlzone. Und der Auftrag vor allem der öffentlich-rechtlichen Sender ist es, die Hörer auch am Wochenende und in der Mittagspause mit Toten aus Bangladesch, der Hinwendung der Vereinigten Staaten zum pazifischen Raum und der Homoehe „zu belästigen“.

Wortradio als Störfaktor in der heilen Welt? Das kann sicher nicht die Lösung sein. Eher schon der Ansatz, den Lena Stadler vom SWR zeigte. Für das Format „DASDING vor Ort“ macht sie mit ihrem Team Filme über Jugendthemen. Immer eine Woche am Stück, dann ist sie wieder „normale“ Radioreporterin. So gibt es kein „Jugendghetto“ innerhalb der Redaktion. Stadlers Ziel ist es, Jugendthemen auch in andere Wellen auszustrahlen. Von (Alt-?)Kollegen muss sie sich allerdings die immer stärkere Online-Fokussierung vorhalten lassen.

Journalisten müssen Themen selbst setzen

Die Debatte darüber, wie Hörer über ihre Heimat erreicht werden können, ist sicher eine wichtige. Doch darf bei allem Gefühl und berechtigten Ruhepausen in einer schnellen Welt das echte Leben nicht außen vor bleiben. Journalisten sind nicht dafür da, sich vor den Karren von Abgeordneten und Verbänden spannen zu lassen, was im atemlosen Hecheln von Parteitag zu Konferenz zu „Studien“-Vorstellung heute an der Tagesordnung ist. Gerade, weil die Welt so schwierig, so bipolar, so vielseitig ist, brauchen Hörer Hintergründe, Analysen, ein Abwägen von Pro und Contra. Macht ein Jahrestag, ein Unfall, ein Superlativ einen Themenkomplex relevanter? Sicher nicht.

Der Gartenzaun kann noch so schön gestrichen, die Blaskapelle noch so herzerwärmend spielen: Die Folgen von schlechter Politik und Misswirtschaft machen auch vor der größten Idylle keinen Halt. Sie treffen die Menschen genau da, wo sie sich eigentlich ausruhen wollten: in der Heimat.

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