Radio-Recycling: Was konnte und kann Radio?

Man muss nicht das Rad neu erfinden, wenn es um kreative Programmformate geht. Hier gibt es alte Ideen für heute.

Im Vortrag “Radio-Recycling: Alte Radioformen neu gedacht” stellten die RadiomacherInnen Sandra Müller, Florian Schwinn und Inge Seibel-Müller Formate aus der Vergangenheit vor.

Die Langzeit-Reportage

Es ist mitten in der Nacht, das Telefon klingelt. Der Bauer ist dran: „Die Ferkel kommen!“ Sandra Müller macht sich auf den Weg, denn das gehört zu ihrer Arbeit: einer Langzeit-Reportage. 2003 besucht sie ein Jahr lang zwei Bauernhöfe im Sendegebiet des SWR, einen Hof aus der konventionellen Landwirtschaft und einen Biohof. Sie wollte zeigen, was Leben im Takt der Natur heißt.

Welche Relevanz hat das heute, nach dem Dürresommer 2018? Sandra Müller gibt den Denkanstoß, mal wieder Langzeitbeobachtungen umzusetzen und sich gerade mit dem Thema Landwirtschaft zu beschäftigen. Sie glaubt, dass ein Format wie dieses sich besonders für Podcasts und Social-Media-Begleitung anbieten würde, obwohl man bedenken müsste, welche Reaktionen zurückkommen könnten, etwa in Bezug auf Tierschutz.

Berichten aus dem Arbeitsalltag

„Die Zukunft des Radios ist seine Vergangenheit.“ Ein Satz von Helmut Lehnert (Radio Fritz), den Florian Schwinn in seiner Präsentation zitiert. Deshalb hat er teils über 30 Jahre alte Radiostücke mitgebracht, die viel Wert auf die Akustik legen, radiophon sind und die Möglichkeiten des Mediums voll ausschöpfen.

In einem Beispiel, einer Sendung mit Namen „Die Fabrik“, hört man Klopfen, Hämmern, gleichmäßiges Maschinenpfeifen. Die atmosphärischen Klänge stehen lange alleine, zwischendurch hört man nur wenige Worte im O-Ton: „Eingesperrt“, „Wenn unsere Arbeitskraft durch Maschinen ersetzt wird, sind wir hinfällig.“

Eine solch kunstvolle Inszenierung würde man heute kaum noch im regulären Programm finden, sagt Florian Schwinn. Außerdem sollte man wieder mehr aus dem Arbeitsalltag der Menschen berichten. In der anschließenden Diskussion ging es darum, welche Möglichkeiten RadiomacherInnen von heute noch haben, wenn es darum geht, vor Ort zu sein und authentisch zu berichten.

Aktionen im Radio

Zum Thema Interaktion mit HörerInnen hat Inge Seibel-Müller Beispiele mitgebracht – auch aus dem Grund, dass das Radio seit den 80er Jahren immer mehr zu einem Nebenbei-Medium geworden sei. 2001 hat MDR Jump eine Aktion eines Berliner Radiosenders aufgegriffen: „MDR Jump küsst die Behörden wach“.

HörerInnen konnten sich melden, wenn sie Probleme mit Behörden hatten. Zwar wurde die Aktion vom Leipziger Anwaltsverein vor Gericht gebracht, weil sie gegen das Rechtsberatungsprinzip verstoßen würde, aber letztlich wurde Jump nicht verklagt und durfte weitermachen. Inge Seibel-Müller sagte, dass diese Form der Interaktion, indem ein Sender was für seine HörerInnen macht, heute zu kurz käme.

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