Was Framing mit dem Vorrunden-Aus bei der WM zu tun hat

Wenn politische Fragen zunehmend polarisieren, ist ein reflektierter Umgang mit Sprache gefragt. Professor Dr. Friederike Herrmann hat 6 Thesen über das Framing vorgestellt.

Professor Dr. Friederike Herrmann ist seit 2012 Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und beschäftigt sich in ihrer Forschung mit der Repräsentation von Migration und Flucht in den Medien.

“Framing” ist ein Schlagwort, das in diesem Zusammenhang immer häufiger fällt. Der Begriff lässt sich umgangssprachlich mit “Schubladendenken” übersetzen: Wer Ereignisse und Informationen wahrnimmt, bettet sie automatisch in einen Deutungsrahmen ein, um den Überfluss an Eindrücken erst einmal zu sortieren und selektieren.

Dadurch können mit Worten gezielt Gefühle zu einer (politischen) Debatte hervorgerufen werden.

 

These 1: Frames sind Deutungsrahmen, die den Informationen, die wir wahrnehmen, Sinn geben.

Ohne einen Bedeutungsrahmen aus Gefühlen und Assoziationen ergeben unsere Eindrücke noch keinen Sinn. Weil Verstehen also immer emotional ist, helfen rationale Argumente hier nicht weiter. Frames erklären ein Problem in der Gegenwart, nennen vermeintliche Ursachen dafür in der Vergangenheit und leiten daraus Handlungsanweisungen für die Zukunft ab. Dadurch wird ein Zusammenhang suggeriert.

 

These 2: Framing beschreibt Wirklichkeit nicht nur, es erschafft sie. Die Welt, wie wir sie wahrnehmen, ist das Produkt von Frames.

Durch bestimmte sprachliche Ausdrücke werden die dazugehörigen Frames unweigerlich hervorgerufen.

 

These 3: Die Negierungsfalle: Frames lösen sich nicht dadurch auf, dass man sie verneint. Im Gegenteil: Die Wiederholung von Frames führt dazu, dass sie sich in den Köpfen verfestigen, selbst wenn man gegen sie argumentiert.

Ein Teufelskreis: Wer gegen problematische Frames argumentiert, muss sie dafür wiederholen und macht sie damit noch stärker. Dabei lassen sich Schlagwörter gerade im Radio auch umschreiben. Sie allein reichen ohnehin selten aus, um ein Thema zu erklären. Anstatt in den Nachrichten einfach von einem “Hassprediger” zu sprechen: konkret berichten, was er getan hat.

 

These 4: Frames prägen unbemerkt unser Weltbild. Durch Frames kann Ideologie in Sprache und Denken von Medien und BürgerInnen einfließen.

Sprache ist immer so strukturiert, dass wir Begegnungen, Erfahrungen und die Gefühle unbewusst verknüpfen. Auch wenn Erinnerungen an konkrete Erlebnisse mit der Zeit verblassen, bestimmen die dazugehörigen Emotionen weiterhin das individuelle Framing.

In welcher Kultur wir aufwachsen, hat darauf einen immensen Einfluss. Deshalb ähneln sich Begriffe und der Beigeschmack, den sie haben, innerhalb einer Gesellschaft.

Spätestens an diesem Punkt wird Framing politisch. Professor Dr. Friederike Herrmann hat das am Beispiel der Berichterstattung über die Fußballnationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan gezeigt.

Nachdem die beiden Sportler mit dem türkischen Präsidenten für ein Foto posiert haben, wurde vor allem in der Boulevardpresse gefragt, wie gut sie in die deutsche Gesellschaft integriert seien – und mit dieser Frage nahegelegt, dass sie nicht hinter Werten wie Gleichberechtigung oder Meinungsfreiheit stehen.

Die Debatte wurde damit gezielt auf das Thema Integration gelenkt und das Foto zum Problem der Nation erhöht. Um die Frage, ob die Fußballspieler ein falsches politisches Zeichen gesetzt hätten, oder um eine Kritik an der Politik Erdogans ging es zu keinem Zeitpunkt.

 

These 5: Man kann nicht nicht framen. Es kann also keinen objektiven Journalismus eigentlichen Sinne geben. Man kann versuchen, möglichst reflektiert damit umzugehen, aber man wird niemals umhinkommen, eine Perspektive einzunehmen.

Schlechte Nachricht: Den objektiven Journalismus im eigentlichen Sinne gibt es nicht. MedienmacherInnen sind auch nur Menschen und nehmen genauso eine Perspektive zu einem Begriff ein. Einzige Chance: möglichst reflektiert mit dem Thema umgehen, Kontexte nicht verknappen und sich damit in die Lage versetzen, die Perspektive auf einen Frame zu wechseln.

 

These 6: Frames müssen in der Gesellschaft verankert sein. Sie funktionieren nur, wenn man einen Resonanzboden in den Köpfen der Menschen finden.

Auch eine Redaktion kann nicht beliebig Trends setzen. Aber: Bestimmte Muster aus dem kollektiven Gedächtnis können reaktiviert werden. Der Begriff “Flüchtlingskrise” beispielsweise hat sich durch diverse Faktoren im öffentlichen Diskurs etabliert. Dem Frame “Asyltourismus” andererseits wurde von Beginn an mit so viel Reflektiertheit und (Sprach-)Kritik begegnet, dass er nicht salonfähig geworden ist.

 

Fazit

Am Ende stand eine fundamentale Kritik am Nachrichtenformat. Prof. Dr. Friederike Herrmann erklärt das Ende der Zeit, in der JournalistInnen Statements von PolitikerInnen ausschließlich weiterreichen, denn dafür hätten diese ihre eigenen Kanäle. Stattdessen werden JournalistInnen gebraucht, die sich mit ihrem Thema tiefgehend auskennen und Aussagen einordnen können.

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